Süddeutsche Zeitung 30. August 2015 | 18:56 Uhr

Alles auf Pappe

Sie kosten fast nichts, man könnte sie überall herstellen. Doch die meisten kommen aus einer Fabrik im Schwarzwald.

von Veronika Wulf

Weisenbach (SZ). Sie sind überall. Ob in einem Pub in Irland, einer Bar in Kalifornien oder der schmuddeligen Eckkneipe in Berlin. Bierdeckel aus dem Schwarzwald. Zwei Drittel der Bierdeckel auf der ganzen Welt stammen von einer Firma aus Weisenbach im Nordschwarzwald: von der Katz GmbH. In den USA liegt der Marktanteil des Unternehmens sogar bei 97 Prozent.

Das Unternehmen stellt die verschiedensten Deckel her: runde, quadratische, sechseckige, sternförmige, bunte, grelle, schlichte, Rothaus, Heineken, Jägermeister, Coca Cola. Fast alle großen Getränkehersteller haben schon Untersetzer bei Katz bestellt. Auf Wunsch produziert die Firma auch mit Lack, Glitzer oder Rubbelfeldern. Sogar interaktive Bierdeckel gibt es: Hält man sein Smartphone drüber, wird der Aufdruck zum Spiel. Doch die meisten Kunden sind Brauereien und wollen es simpel. Sie bringen ihr eigenes Design mit: das Markenlogo, vielleicht noch ein Gewinnspiel. Über 300 000 verschiedene Bierdeckel gibt es weltweit. Auf der Webseite coaster.ch sind rund 32 000 von ihnen anzusehen, aus 175 Ländern. Es gibt sogar Bierdeckelsammler, auch Tegestologen genannt, die für besonders seltene Exemplare über tausend Euro zahlen.

Doch so viel wert sind natürlich die wenigsten Untersetzer. Die meisten kosten den Bruchteil eines Cents. Katz ist also Weltmarktführer mit einem Produkt, das fast nichts wiegt, fast nichts kostet und aus nur drei Zutaten besteht: Holz, Wasser und Stärke. Ein Stück Pappe, das man überall auf der Welt herstellen könnte.

Lastwagen liefern bis zu 95 Tonnen Holzstämme am Tag. Der größte Teil ist Fichtenholz

Stimmt so nicht, sagt die Marketing-Chefin des Unternehmens, Tina Lang. Vielmehr schreit sie es gegen den Lärm einer riesigen Maschine an, die in der Fabrikhalle des Unternehmens walzt, saugt, trocknet, misst und schneidet. Die Anlage ist über Jahrzehnte weiterentwickelt worden, nirgends gibt es sie zu kaufen. „Die kann man nicht so einfach nachbauen“, brüllt Tina Lang, „das wäre zu aufwendig und zu teuer.“ So sichert die Maschine dem Unternehmen ihren Absatz. Der Bierdeckel ist eben doch nicht nur ein Stück Pappe, sondern ein Stück High-Tech.

Der Weg beginnt beim Baumstamm. Draußen auf dem Fabrikhof riecht es nach frischem Harz. Lastwagen liefern bis zu 95 Tonnen Holzstämme am Tag aus dem Schwarzwald und den Vogesen. Der größte Teil ist Fichtenholz. Das ist besonders saugfähig – eine wichtige Eigenschaft: 300 Prozent seines Gewichtes kann der fertige Bierdeckel an Flüssigkeit aufsaugen, ohne sich zu verformen.

In der Fabrikhalle geht das Brummen in ein Dröhnen über. Die Maschinen zersägen, entrinden und mahlen die Stämme. Zusammen mit Wasser und Pappresten entsteht ein Brei, der die Wundermaschine durchläuft – bis am Ende Pappbögen in der gewünschten Dicke herauskommen. Ein Teil wird per Schiff über den Atlantik in die USA gebracht, wo er in den zwei Werken in Tennessee und New York bedruckt und zu Bierdeckeln gestanzt wird. Den Rest fährt der Gabelstapler in die nächste Halle: die Druckerei. Die Pappbögen wandern durch Offsetdrucker.

Gerade werden grüne Deckel gedruckt, mit dem Logo des Limo-Herstellers 7up. Quadratische Stanzmesser schneiden die Bierdeckel in Form. Sie werden gestapelt und palettenweise abtransportiert – in die ganze Welt.

So läuft es seit vielen Jahrzehnten. Den Anfang machte Johann Georg Katz, der hier im Jahr 1761 ein Sägewerk führte, das später vor allem Telegrafenmasten und Eisenbahnschwellen herstellte. Sein Sohn und Nachfolger Casimir Otto Katz war zudem Bierbrauer und so kam er auf die Idee, aus den Sägeabfällen Untersetzer für Bierkrüge herzustellen, die Kondenswasser und überschäumendes Bier auffangen sollten. Ein Dresdener Unternehmer hatte diese Papp-Untersetzer einige Jahre zuvor erfunden – nun stellte Katz sie industriell her. Bis heute.

Drei Milliarden Bierdeckel fertigt Katz im Jahr, die Konkurrenz gut eine Milliarde

Drei Milliarden Bierdeckel fertigt Katz im Jahr. Konkurrenz gibt es eigentlich nur eine; die Firma Marienthaler in der Eifel. Sie stellt jährlich gut eine Milliarde her.

Einfach ist das Geschäft nicht. Die Verträge mit den großen Brauereien laufen meist über ein bis zwei Jahre. Immer wieder wechseln die Kunden zwischen Katz und Marienthaler, je nach Angebot. Die beiden Giganten drücken sich gegenseitig im Preis. Der Preiskampf zeigte Spuren. 2009 verstummte das Brummen in Weisenbach beinahe; Katz war insolvent. Der Bierkonsum ging zurück, große Brauereien zahlten ihre Rechnungen nicht und die Leitung des Unternehmens tat sich schwer, etwas zu verändern. Zuvor war Katz mehrfach verkauft worden, unterschiedliche Finanzinvestoren waren ein- und ausgestiegen und ließen das Unternehmen finanziell ausgesaugt zurück.

Schlussendlich konnte Katz gerettet werden. Die Koehler Paper Group, selbst Weltmarktführer für Thermopapier, der Kassenzettel in die ganze Welt liefert, übernahm Katz als eigenständiges Unternehmen und investierte viele Millionen. Der neue Geschäftsführer Daniel Bitton modernisierte die Maschinen, investierte in die Wasserkraftwerke des Unternehmens, baute eine Wärmerückgewinnungsanlage und schuf neue Stellen. 150 Mitarbeiter hat Katz jetzt in Weisenbach, insgesamt 100 weitere in den beiden Werken in den USA und den Vertrieben in Großbritannien und Singapur. Der Umsatz des Unternehmens lag 2012 laut Wirtschaftswoche bei 39,5 Millionen Euro, aktuelle Zahlen möchte Katz nicht nennen.

Bitton hat außerdem die Produktpalette erweitert, um nicht mehr so sehr von den Großkunden abhängig zu sein. Heute verlassen nicht nur Bierdeckel die Fabrik, sondern auch Büromaterialien, Bilderrahmen, Duftbäumchen und Tortenuntersetzer. „Doch der Bierdeckel wird immer unser Hauptprodukt und Imageträger sein“, sagt Lang. 90 Prozent des Umsatzes bringt der Untersetzer ein. Katz ist nun mal die Bierdeckelfirma.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bierdeckel-alles-auf-pappe-1.2627300

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