Berliner Zeitung 23. Januar 2014 | 15:43 Uhr

Katz GmbH: Weltmeister für Bierdeckel

von Frank-Thomas Wenze

(BZ). Im Besprechungsraum dominiert Retro. Mit Blechspinden und hölzernen Einbauschränken, die vermutlich aus den 60er Jahren stammen. Die Firma Katz präsentiert sich extrem bescheiden und zurückhaltend. Dabei handelt es sich um einen Weltmarktführer, und zwar für ein ganz besonderes Produkt: Bierdeckel. Knapp drei Milliarden Stück fertigt das Unternehmen in diesem Jahr und exportiert sie in 45 Länder.

Die Bezeichnung Hidden Champion – versteckter Sieger – passt. Der Betrieb liegt geduckt vor einer Felswand und eingezwängt zwischen einer Durchgangsstraße und dem Flüsschen Murg am Ortsrand der Nordschwarzwald-Gemeinde Weisenbach – weitab der großen Metropolen.

Bierdeckel als Kulturgut

Vor fast 300 Jahren fing hier alles an. Johann Georg Katz errichtete auf dem Grundstück ein Sägewerk, das später auch Telegrafenmasten und Eisenbahnschwellen herstellte. Casimir Otto Katz, ein Nachfahre des Gründers, entdeckte ein neues Geschäftsfeld. Er hat die Bierdeckel-Fertigung industrialisiert und 1903 die ersten Exemplare in ihrer heutigen Form hergestellt. Die Firma spezialisierte sich im Lauf der Jahre auf die Untersetzer. „Für uns ist das noch immer ein Kulturgut“, sagt Daniel Bitton, Geschäftsführer der Katz-Group.

Bierdeckel, die hatten ihre große Zeit in der Wirtschaftswunder-Ära, in den 50er und 60er Jahren. Als es in jedem Dorf mehrere florierende Kneipen gab, die für viele ein zweites Wochenzimmer waren. Als es zum guten Ton gehörte, jeden Sonntagmorgen zum Frühschoppen zu gehen.

Bierdeckel und Kneipen gehörten zusammen, waren dort immer im multifunktionalen Einsatz. Mit Strichen und Kreuzen auf ihnen führte der Wirt Buch über den Getränkekonsum der Gäste. Wenn die Diskussionen an der Theke richtig hochkochten, dienten sie auch schon mal als Wurfgeschosse mit schwer kalkulierbarer Flugbahn. Eher jüngere Gäste nutzten sie für den Bau von Kartenhäusern – respektive Bierdeckelhäusern – und für Geschicklichkeitsspiele: Wer schafft es, den dicksten Bierdeckelstapel mit der Hand hochzuschnippen und in der Luft zu fangen?

Eigentlich aber soll das Bierglas drauf stehen und überfließenden Gerstensaft aufnehmen. Diese Aufgabe erfüllt die Pappe souverän, so kann sie ein Vielfaches ihres eigenen Gewichts an Flüssigkeit absorbieren. Der Grundstoff für den Deckel ist ein grau-beiger Brei. Der besteht aus Holzschliff, Stärke und Wasser. Entwässern, Pressen und Trocknen macht den Brei zur sogenannten Holzschliffpappe, die in Bögen geschnitten und bedruckt wird, um schließlich Deckel daraus auszustanzen. So macht das Katz seit Jahrzehnten in Weisenbach.

Bierkonsum geht zurück

Doch in den vergangenen Jahren lief es nicht immer rund. Die Kneipenkultur ist schon lange nicht mehr das, was sie einmal war. Der Bierkonsum geht seit Jahren zurück. Hinzu kamen Missmanagement inklusive einer fatalen Niedrigpreis-Politik. 2009 musste das Unternehmen seine Insolvenz erklären. Beinahe wäre die fast 300-jährige Firmengeschichte zu Ende gewesen, doch die Papierfabrik August Koehler, ebenfalls aus dem Nordschwarzwald, rettete den strauchelnden Bierdeckel-Giganten.

„Die Übernahme war pure Emotion“, sagt Bitton heute. Die neuen Eigentümer setzten ihn 2010 als Geschäftsführer ein und investierten mehrere Millionen Euro. Das Geld war in jedem Fall nötig. Denn das Geschäft mit den Bierdeckeln spielt sich in einer winzigen Nische ab und ist entsprechend schwierig. Weltweit gibt es nur drei Anlagen, die die spezielle Pappe für die Untersetzer herstellen.

Bierdeckel sind eine deutsche Dominanz. Zur hiesigen Bierkultur mit mehr Brauereien als in jedem anderen Land kommt großes Know-how in der Pappenverarbeitung. So wurde der Untersetzer denn auch 1893 von einem Deutschen erfunden – dem Dresdner Robert Sputh. Kein Wunder also, dass auch die globale Nummer zwei, die Firma Marienthaler, aus Deutschland kommt. In den USA hat die Katz-Gruppe einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent.

Hierzulande sind die Saug-Pappen eine Beigabe für Gastwirtschaften, die sie von ihrer Brauerei zum vergorenen Gerstensaft hinzu bekommen. Entsprechend billig soll der Untersetzer sein. Der Preisdruck ist riesig. „Es fehlt bisweilen schon an der Wertschätzung für unser Produkt“, sagt denn auch Bitton. Warum wandert Katz dann nicht in ein Land ab, wo billiger produziert wird?

Es dauere viel zu lange, bis die Kosten für den Bau einer Anlage wieder hereingeholt werden, erklärt der Geschäftsführer. Deshalb fertigt Katz die Pappbögen sogar für den wichtigen US-Markt in Weisenbach. Sie werden auf Paletten per Schiff in die Vereinigten Staaten transportiert, dort bedruckt und ausgestanzt. Es lohnt sich sogar, die Stanzabfälle postwendend nach Weisenbach zurück zu transportieren, um sie dort zu recyceln.

Bierdeckel für Gesichtsbemalung

Überhaupt setzt Katz auf Nachhaltigkeit. Das Wasser für die Pappenherstellung wird im Kreislauf geführt. Fast die Hälfte des verbrauchten Stroms stammt aus erneuerbaren Quellen – die Firma betreibt zwei eigene kleine Wasserkraftwerke. Gleich nach der Übernahme durch Koehler wurde eine Wärmerückgewinnungsanlage installiert.

Mit der Übernahme wurden auch Marketing und Produktentwicklung angeschoben und die Multifunktionalität des Bierdeckels erweitert. Etwa mit dem „Fan Coaster“, der für die Wochen der Fußball-WM im Sommer gedacht ist. Es handelt sich um einen Bierdeckel, auf dem Schminkfarben der jeweiligen Mannschaft appliziert sind. Gebrauchsanweisung: „1. Farbe mit Fingern anfeuchten und aufnehmen. 2. Auf dem Gesicht auftragen. 3. Mannschaft anfeuern.“

Auch in die virtuelle Welt ist Katz schon vorgedrungen. Wer Hemmungen hat, den Nachbarn/die Nachbarin an der Theke anzusprechen, kann sich die Katz-App auf sein Smartphone laden. Das Gerät muss nur mit eingeschalteter Kamera über einen speziellen Bierdeckel gehalten werden und schon zeigt es diverse Flirtsprüche an, die das Näherkommen erleichtern sollen.

Es gibt inzwischen aber auch Postkarten aus Bierdeckelpappe oder zusammensteckbare Weihnachtsbäume. Die Firma produziert Türhänger für Hotels, kleine Spielbretter für Brettspiele, Duftbäumchen und Verpackungen für Lebensmittel.

„Wir werden immer ein Bierdeckel-Hersteller bleiben, wir müssen allerdings unsere Geschäftsfelder noch weiter ausdehnen“, sagt Bitton. Große Hoffnungen ruhen auf sogenannten Display Boards. Das sind die bunten Schilder in Supermärkten, die auf Sonderangebote hinweisen. Und 2014 soll als ganz neues Produkt auf den Markt: Trittschalldämmung. Basis sind immer noch die Grundmaterialien Holz und Stärke. Bitton setzt bei den neuen Produkten auf die Umweltfreundlichkeit des Materials , die es zugleich kostengünstig macht. Es ist leicht, einfach wieder zu verwerten und sei „gesundheitlich unbedenklich“.

Katz macht heute zwar wieder Profite. „Das heißt aber nicht, dass die Umstrukturierung abgeschlossen ist“, betont der Geschäftsführer. Schließlich wolle der Eigentümer das Geld zurück haben, das er investiert hat. Doch wenn sich die neuen Produkte durchsetzten, dann habe das Unternehmen irgendwann auch die Mittel, um die Gebäude der Firma zu verschönern – inklusive des Aufenthaltsraums.

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